79 Essen im Zug

Es klopft erneut an der Tür und ich werde aus dem Glücksgefühl wieder raus gerissen. Simon macht die Tür nicht auf und ich muss wieder runter. Vielleicht hätte ich meinem Freund nicht die schwere Liste geben sollen. Was solls. Ich gehe runter und öffne die Tür.


Diesmal sind es wirklich die Schaffner. Uniformiert wie der Grenzschutz. Ob die auch einen Chor haben?

„Ticktes, Simon.“, sage ich.

Aus seinem Notizbuch zieht er das Ticket raus und gibt es mir. Ohne mich anzuschauen. Ein Loch im Ticket und es ist entwertet. Ich gebe Simon das Ticket. Er schaut auf und lächelt mir zu. Ein gutes Zeichen. Bevor ich die Tür überhaupt zu machen konnte, steht aber schon der nächste vor der Tür: der Stuart mit der Speisekarte.

Er reicht mir zwei Karten: Eine mit dem Abendessen und eine fürs Frühstück. Ich nehme Hühnercurry im Menü mit Suppe zum Abendessen und Toast mit Marmelade, Kaffee und Orangensaft zum Frühstück. Alles für 140 Baht. Ich reiche die Karten weiter an Simon.

„No. Thank you“, verneint er.

Gut, wer nicht will, der hat schon oder hat was. Ich gebe die Karte dem Stuart zurück.

„Beer?“, fragt mich der Stuart.

Ich zeige ihm meine angefangene Flasche.

„Only one beer?“, fragt er mich mit einem ganz breiten Grinsen.

Ich zeige ihm die anderen drei Flaschen.

„Ohhh“, sagt er und schüttelt er den Kopf und grinst dabei.

Der Stuart ist ein seltsamer Kerl, denke ich während die Tür ins Schloss fällt. Als ich mich umdrehe, sehe ich Simon. Ich nehme einen weiteren großen Schluck aus der Flasche und steige wieder in mein Bett. Nach einer guten halben Stunde steht Simon auf und schaut nun mich an. Er gibt mir meine Liste zurück mit einigen tausend Worten, die wieder durchgestrichen sind. Er hat nichts auf die Reihe gekriegt. Dumm ist Simon nicht. Ganz im Gegenteil.

Jedoch fängt er an verzweifelt irgend etwas zu labern. Es geht um den Text. Das weiß ich. Aber worum genau? Kein Plan. Ich bedanke mich bei ihm und er setzt sich wieder auf sein Bett.

Nach einer weiteren Viertelstunde steht wieder der seltsame Stuart vor der Tür. Diesmal mit dem Essen. Ich will bezahlen und er sagt:

„Breakfast“

Soll wohl heißen, zum Frühstück wird gefuttert und bezahlt.

Er überreicht mir ein Tablet mit den einzelnen Teilen der Mahlzeit. Alles in Folie verpackt. Das Tablet stelle ich auf mein Bett. Und steige hinauf. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Simon in sein Notizhelft etwas reinkritzelt.

„Simon, It’s enough for two. Do you want someting?“
„No. I am not hungry.“
„Just taste the chicken curry.“
„No thanks. I dont want.“
„OK.“

Wenn jemand dankend ablehnt, so bedeutet dies für mich, die Person ist kurz davor, genervt zu sein. Dann lasse ich die Person auch in Ruhe.

Ich esse das wirklich gute Hühnercurry. Es ist saugut nur ohne Schwein. Die Sache wird leckerer, wenn man bedenkt, dass ich im Zug nach Koh Samui sitze. Ich schaue aus dem Fenster, aber draußen ist es nun zappenduster. Keine Sonne, kein künstliches Licht. Wir sind also raus aus Bangkok.

Ich nehme einen weiteren Happen. Aber das Essen schmeckt mir nun nicht mehr so gut. Das hat bei mir jedoch bestimmte Gründe: ich esse ganz ungern alleine. Manchmal, wenn ich auf Montage war und alleine in meiner Bude saß, aß ich nichts, obwohl der hunger groß war. Aber alleine essen? Das ist was für Erasco-Linsensuppe-Dosenfraß-Liebhaber. Wenn ich im Urlaub bin, dann gehts noch. Aber hier im Abteil? Nee, nee, nee!

„It’s perfect, Simon.“

Er antwortet nicht.

„Simon. Just taste this fuckin chick!“

Er antwortet wieder nicht.

„Later perhaps from the dessert?“

Er steht auf und schaut mich ganz seltsam an. Dann spricht er ganz langsam seine Leidensgeschichte…

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