122 Dicke Dinger

Aber was ich nicht verstehe: beide sind dick. Nicht Fett, aber dick. Strandtuch füllende Leiber. Ich möchte nun nicht die andere Dicke noch sehen. Aber da habe ich mich zu früh gefreut. Das andere Schlachtross kommt mit einer Manövergeschwindigkeit an die Palme ran, als wäre es der letzte Baum auf der gesamten Insel.

Um es vorne weg zu nehmen: die drei Frauen gehören zu einer besonderen Spezies an. Der „Ich-kann-nicht-meinen-Urlaub-genießen-weil-ich-ständig-auf-der-Suche-nach-Streit-und-Ärger-bin-und-überhaupt-wieso-tun-sich-die-Leute-immer-soviel-auf-die-Teller-vom-All-inklusive-Büffet“-Spezies. Dieses ist keineswegs eine Unterrasse innerhalb Spezies Mensch. Sie stehen in direkter Konkurenz zur Menschheit.

Man kann sie ganz leicht an einem ganz spezifischen Argumentationsmuster erkennen, welches sie innerhalb ihrer Heimathorde nutzen. Grundsätzlich kennen sie ihr Urlaubsland nicht so genau („Das Hotel war so schön und die Animateure am Pool waren so freundlich. Wozu raus gehen?“). Meistens haben sie einen scharfen Blick aus dem Bus heraus („Die haben da so viele Schilder, man weiß gar nicht, was die da so alles wollen“), der sie zum Hotel („Wenn Urlaub, dann All-inklusive!“) fährt. Der Höhepunkt des einheimischen Kontakts findet an der Rezeption des Hotels statt, wobei nicht gesprochen wird (Deswegen auch kein Beispiel). Ihr Englisch („I want a Minibar in the Zimmer.“) ist genauso schlecht, wie ihr Deutsch. Mit dem Unterschied, dass ihr Deutsch für einen Nicht-Deutschen unverständlich („Uste krass dit Hotel“) ist. Am liebsten decken sie sich mit originalen Produktfälschungen („Natürlich ist das Original!“) ein, um sich von ihrer niederträchtigen Spezies abzuheben, um der Zielspezies („Paris Hilton trägt auch Prada.“) näher zu kommen. Zu Hause haben sie nie gutes Essen („Mama, wenn gibt es wieder Festtagsfischstäbchen?“) und beschweren sich ständig über das Essen am Buffet („Ganz, ganz schlecht. Das war die Hölle, diese Auswahl an ausländischem Fraß!!“). Insbesondere ihre Hauptnahrungsquelle, die frittierte Kartoffel, können sie mit ihren ausgeprägten Geschmackssensoren auf der Zunge exakt bewerten („Das kenne ich! Das macht meine Frau immer als Beilage zu den Festtagsfischstäbchen!!“). Dabei schneiden die All-inklusive-Buffets in den Hauptreisezielen Spanien („Typisch Spanisch! Nie wieder!“), Griechenland („Typisch Griechisch! Nie wieder!“) und Türkei (Typisch Türkisch! Nie wieder!“) stets besonders schlecht ab.

Besonderes Kennzeichen dieser Spezies ist die Gattung Liegen-Markierer. Ähnlich wie Hunde markieren sie ihr Revier mit einem Handtuch. Dabei ist das Revier auf eine Liege reduziert. Die Gattung hat auch prinzipiell ein Interesse an lauter Musik und konsumiert Bräunungsbeschleuniger in rauen Mengen. Meistens besteht das Reisegepäck aus einem Badetextil (Bikini / Badehose), einem Ausgehtextil (Minirock / kurze Hose) und einem Bottich voller Bräunungsbeschleuniger.

Bevor ich jetzt ein Fachbuch über diese Spezies verfasse, beobachte ich lieber die drei. Die dritte erreicht die Palme und spricht die ersten Zwei an.

„Was soll das denn jetzt?“
„Wieso? Was denn?!“
„Wir haben doch verabredet, ein Tag ihr und ein Tag ich. Heute bin ich dran.“
„Ja, aber gestern lag aber jemand anderes hier.“
„Na und. Hättet doch was sagen können. Heute gehört der Schatten mir.“
„Ach ist mir zu doof, komm lass und schwimmen gehen.“

Die beiden stehen auf und gehen zum Wasser. Jedoch dreht sie eine um und keift zu der Dritten:

„Wehe Du packst unsere Handtücher weg. Dann gibts haue!“, droht sie.
„Von Euch lass ich mich einschüchtern. Ich hole meinen Mann!“

Toll, noch so ein Dickwanst. Aber dann täusche ich mich. Er ist ein richtig dürrer, knochiger und über zwei Meter langer Spargeltarzan. Dieses Pärchen ist eine totale Freakshow. In welcher Kneipe die sich wohl schön gesoffen haben? Vorallem wieviel? Bis kurz vor die Alkoholvergiftung, glaube ich. Wobei wahrscheinlich Boris Jelzins Standhafttigkeit in Sachen Alkohol nichts dagegen sein muss. Aber vielleicht täusche ich mir ja auch. Vielleicht ist das reine und unschuldige Liebe, welche Pat und Paterchen vereint.

„Schau, da sind sie. Sie haben unseren Schatten einfach so weggenommen.“, sagt sie zu ihrem Typen.

Ohne Worte geht er direkt zu den zwei Mädels ans Wasser und fängt mit seiner Verbalattacke an. Die Mädels keifen ebenso zurück und verlassen das Wasser. Sie laufen zu ihren Strandtüchern zurück und lassen ihre Körper darauf fallen, dass die Erde dabei ein wenig wackelt.

Der Streit nimmt aber kein Ende und ich kann nicht entspannt am Strand liegen, wenn sich diese vier abgehalfterten Gestalten wie Kleinkinder zanken. Es wird Zeit, dass ich was mache.

„Der Schatten ist doch groß genug für euch vier. Oder denkt ihr, ihr drei seit zu fett?“

Die Stille, die ich mir gewünscht habe, ist für einen Moment da. Ich höre die Wellen leicht gegen den Strand laufen, das Lachen von Kindern am Strand und die entspannte Musik aus dem Restaurant. Einen Moment. Was dann kommt, ist die Welle der Entrüstung von drei Elefantenkälbern und einer Spargelstange.

Sie brüllen mich laut an und ich lasse sie einfach ausbrüllen. Sage nichts, lächle nur ganz entspannt. Ab und zu sage ich

„Ihr seit schon ziemlich Fett.“

Aber nur diesen Satz. Unregelmäßig und laut genug. Während die drei Frauen mich weiter ankeifen, schaut Bon Jovi für Arme sich um und begutachtet den Schatten. Er tippt seinen Elefanten an und zeigt auf den Schatten.

„Aber mit dem Schatten. Da hat er recht.“

Als die anderen zwei das hören, schauen sie auch zum Schatten.

„Könnte klappen“
„Daran habe ich auch gedacht.“

Wer denken kann, ist klar im Vorteil, heißt es so schön. Die vier Assis legen sich endlich hin und geben Ruhe. Ich schlage mein Buch auf und lese weiter.

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