22 Eloquenter Graf Dr. Arschloch von Großkotzistan pikiert mich subversiv

In meinem Hotel gibt es mehrere Restaurants. Die Sushi-Bar erscheint mir sehr am passendsten. Ich gehe rein und der Laden ist leer, blitzblank sauer und sehr stilvoll eingerichtet. Ich und die Kellnerin sind die einzigen. Nach der üblichen Begrüßungsarie suche ich mir einen Platz am Fenster aus. Ich habe das halbe Restaurant im Blickfeld und außerdem kann ich raus schauen.

Die Kellnerin bringt mir die Karte und ich weiß auch ruckzuck, was ich will:

Einen Kokosnuss-Shake
Califonia Inside Out
Sake Avocado Maki
Misu Suppe


Nach der Bestellung kommt sie erneut mit einem heißen und feuchten Lappen, damit ich mir die Hände reinigen kann. Während ich mir die Finger säubere, sehe ich, wie draußen ein uniformierter Typ die Fahrzeuge anweist, wie sie zu fahren haben. Ich finde das etwas bizarr, da die Fahrer ihn sowieso nicht vernehmen: Sie brausen die Straße so runter, wie sie es tun und der Typ weist ihnen angeblich den Weg.

Als ich mit der Säuberungsaktion fertig bin, höre ich zuerst und dann sehe ich, wie der Anzugsheini vom Frühstück mit seiner Kollegin in das Restaurant kommt. Toll. Natürlich hängt ihm das Telefon an der Backe. Verzeihung. Er hat kein Mobiltelefon. Er hat ein Blackberry. Laut schreit er in das Telefon irgendwas auf Englisch. Mein Englisch ist nicht so gut und ich verstehe nur, dass die beiden vermutlich irgendwas mit Immobilien zu tun haben. Während er voll im Dialog ist, zeigt seine Gefährtin auf den Tisch vor mir. Diese blöde Kuh! Im ganzen Restaurant sind vielleicht 25 Tische frei. 25, und die zeigt genau auf den vor mir. Der Crackberry nickt sie abwertend an und marschiert vorneweg an den verdammten Tisch. Ich muss schon sagen, für seinen schickes Gewand hat der Crackberry kaum Manieren.

Die Kellnerin bringt zwei Karten und zieht sich auch schnell zurück. Wahrscheinlich ist sie von dem Typen bleischwer beeindruckt. Kleider machen ja Leute. Seine Begleiterin öffnet nicht mal die Karte und schaut ihn an und nickt zu jedem Wort und jedem Satz. Auch wenn er nur „Yes“ sagt, bestätigt sie. Wenigstens hat Sie Manieren und wartet auf ihn, um zusammen das Essen zu bestellen.

In der Zwischenzeit kommt der Kokosnuss-Shake. Ich ziehe am Strohhalm und auch dieser Shake ist extrem appetitlich. Ich glaube, dass ich mir noch einen nehmen werde!

Als er fertig ist, flucht er irgend einen Scheiß noch auf Englisch. Dann sagt seine Begleiterin:

„Dem haben Sie jetzt aber keine Chance gelassen, sich aus dem Business zurückzuziehen.“

Die beiden sind Deutsche! Ich grinse breit und lasse mir es nicht anmerken, dass ich sie verstehe. Er antwortet ihr:

„Nur so kann man mit diesen Leuten umgehen. Sie PIKIEREN mich fortwährend. Zuweilen halte ich das nicht aus. Das hört sich jetzt zwar etwas DEKADENT an, aber ich benötige heute in jedem Fall eine lange und gute Massagebehandlung.“

„Das kann ich verstehen. Ich war gestern in einem Massagesalon…“

„Massagesalon?! Ich gehe doch nicht in irgendeinen AMBIVALENTES MASSAGEETABLISMENT hier in der Sukhumvit. Massagesalons, meine Gute, sind was für die Touristen. Und im Übrigen, was Ihnen beliebt, muss mir nicht wirklich zusagen.“

So ein Riesenarschloch! Ich habe so was noch nie erlebt. Wie kann man nur so großkotzig sein? Das Mädel will mit ihm eine Konversation aufbauen und der schmettert sie ab, als wäre er Ihre Majestät von Thailand. Kann der Kerl nicht runter kommen von seinem Crackberry-Himmel? Die Frau möchte nur ein wenig Small-Talk. Bevor er weiter auf die einschlägt, schellt sein Telefon mit einem bizarren Klingelton. Im Gesicht der Frau sieht man, wie beruhigt sie auf diesen Rettungsring reagiert.

Diesmal lässt er aber nicht so den coolen Crackberry-Anzugheini raus hängen. Ich höre ihn nach langem zuhören nur „Yes“ sagen. Kein anderes Wort kommt aus seinem Mund und seine Tonlage ist ernster und nicht aufgesetzt gespielt. Die Frau hat es auch verstanden und nickt ihm nicht zu. Ich nehme an, dass sein Häuptling ihm gerade eine klare Ansage macht.

Die Kellnerin kommt und sieht, dass sie da nichts zu tun hat und geht wieder zurück. Anschließend kommt sie mit meinem Essen. In Thailand ist es nicht üblich, dass das Essen in Gängen serviert wird. Stattdessen kommt alles auf den Tisch. So kann es sein, dass die Suppe erst nach dem „Hauptgericht“ kommt. Wie in diesem Fall. Die Sushi-Rollen kommen zuerst und danach die Suppe. Es macht aber nichts. Denn bis ich Sojasoße und Wasabi dip-bereit gemacht habe, steht die Suppe auch auf dem Tisch. Ich öffne den Deckel der Suppe und esse sie als erstes. Als ich einen genaueren Blick auf die Suhsi werfe, schlägt mein Herz höher: Das ist soviel Fisch drin, dass man den Reis nur erahnen kann. Hoffentlich schmeckt das auch so mit soviel Fisch.

„Yes. I’ll call you back.“

Das Arschloch von Anzugheini ist jetzt ganz ruhig und schlägt zum ersten Mal die Karte auf. Er sagt nichts und das Mädel wagt es garnicht, einen Blick auf ihn zu werfen. Ich kann sein Gesicht nicht sehen, weil er mit dem Rücken zu mir sitzt. Vorne sehe ich jedoch, dass da einige Zeitungen hängen. Das ist die Gelegenheit! Ich springe auf und hole mir eine der Zeitungen und tue bei zurücklaufen so, als würde ich die Titelseite sichten. Als ich sein Gesicht sehe, merke ich eines: Dem hat jemand mächtig an die Eier gepackt! ich weiß nicht warum, aber ich muss in diesem Moment an den Refrain von „You’re my heart, you’re my soul“ von Modern Talking denken!

Ob ich mir noch eine Zeitung hole?! Nein, ich möchte ja schließlich meine leckere aussehende Sushi essen.

„Wissen Sie, wer das war?“
„Nein.“
„Das können Sie auch nicht wissen. Schließlich hat er ja mich angerufen. Es war der Investor aus Hong Kong. Sie wissen, wen ich meine.“

Die Frau nickt.

„Er hat mir berichtet, dass er wohlmöglich INTENDIERT, das PORTFOLIO anzupassen. Eine Angleichung zu unserem Nachteil.“
„Oh, das wäre aber nicht so schön.“
„Nicht so schön?! Meine Liebe, das wäre SUBVERSIV!“

Erlösend kommt die Kellnerin, um die Bestellung aufzunehmen.

„Wir müssen das in einem MEETING vor dem JOUR-FIXE COMITTEN. Alle Beteiligten müssen in diesem Fall D’ACCORD sein. Ich erstrebe nicht, die Rolle des DELIQUENTEN zu spielen.“

Wenn ich ehrlich bin, habe ich diesen Satz nicht verstanden. Ich stippe das erste Stück Cali-Rolle in das Wasabi-Sojasoßen-Gemisch und erlebe eine Geschmacksexplosion. Solch leckere Sushi habe ich noch nie vertilgt. Ich genieße jede Nuance und jeden Bestandteil. Herrlich! Während ich mir ein Stück Ingwer in den Mund schiebe, plappert er weiter:

„Wir müssen im Zweifel jede Kleinigkeit und jede Bedeutungslosigkeit sehr präzise und sehr genau ERUIEREN und alle REZIPROKEN Wirkungen SONDIEREN. Ich weiß, dass das uns den ganzen Abend kosten wird. Womöglich auch die ganze Nacht. Aber das Konzept muss morgen früh um 9 Uhr stehen. Sonst ist das ganze Projekt OBSOLET.“


Die Maki-Sushi ist unvergleichlich! Es ist ein Wunder, was wir in Deutschland als Sushi auf den Tisch bekommen. Man sagt ja in Deutschland, dass die Asiaten hätten kaum Tischmanieren bzw. andere Tischmanieren. Nach einem Essen könne man ja gleich den ganzen Boden sauber machen. Kein Wunder. Das, was wir denen als asiatisch servieren kann man auch nur ausspucken! Besonders die Suhsi. Aber vielleicht habe ich gerade einen gutes Suhsi-Restaurant erwischt.

Am Nachbartisch kommt das Essen an und die Frau versucht erneut vom Geschäftlichen heraus ins Small-Talk zu gehen.

„Guten Appetit. Ich finde, Ihre Art, wie Sie sprechen sehr geschmackvoll. Mit so vielen ansprechenden Wörtern.“
„Das habe ich meiner exquisiten Schulbildung und meinem kultivierten Elternhaus zu verdanken.“

Du Landstreicher von Großkotzistan!

„Meine Eltern haben mir schon in der Kindheit eingedrillt, dass ELOQUENZ eine Tugend ist und SCHÖNGEISTER sich ausschließlich in ihrer eigenen Sprache verständigen sollten.“

„Sie sind ein Schöngeist!“

Blöde Kuh! Der Kerl ist ein aufgesetztes Möchtegern-Arschloch, das keine Kindheit, keine Jugend hatte und vermutlich immer terrorisiert wurde, lateinische Sprichwörter auswendig zu lernen. Jetzt stellt er das als außergewöhnlich dar und ist seinen Eltern unvergesslich dankbar.

„Was machen ihre Eltern jetzt?“
„Sie wohnen seit fünf Jahren in einer Seniorenresidenz.“
„Geht es ihnen gut und sind sie zufrieden mit dem Seniorenheim?“
„Heim?! Meine Liebste, Heim? Sie bewohnen eine Residenz!“
„Da muss es bestimmt wundervoll sein.“
„Ich weiß es nicht. Mir bot sich bisher nicht der Anlass an, sie zu besuchen.“

Aha, Graf Dr. Arschloch von Großkotzistan hat seine Eltern noch nie besucht und ist ihnen aber für alles im Leben dankbar. Eine abscheuliche Erscheinung. Ich genieße meine Sushi und winke die Kellnerin herbei und bestelle mir einen weiteren Kokosnuss-Shake.

Als Dr. Arschloch merkt, dass er nicht nur im Berufsleben ein Arschloch ist, sondern auch im Privatleben, sattelt er das Thema wieder ins geschäftliche um:

„Da fällt mir ja ein, ich wollte heute eine Massage in Anspruch nehmen. Ohne diese Massage werde ich wohl nicht mit voller Leistung am Konzept arbeiten können. Ich schlage vor, dass Sie damit beginnen und ich später ins OFFICE komme.“

Sie nickt und er sieht darin seine Chance.

„Jedoch wollte ich ja eine längere Massage in Anspruch nehmen und auch nicht in der Nähe des HEADQUARTERS. Sie müssen das alleine bewältigen. Ich denke, sie sind EMPAHTISCH genug, um sich in meine Situation zu versetzen. Schließlich leiste ich von uns beiden die Hauptarbeit. Insbesondere morgen, bei der Präsentation.“

Sie nickt. Irgendwie tut sie mir leid. Ihre Sushi bekommt sie kaum runter. Der Typ macht einen auf Massage und die Frau kann jetzt erst mal die ganze Nacht für zwei arbeiten. Am nächsten Tag wird er IHR Konzept als seines verkaufen und kassiert wohl später bei Projektabschluss noch eine fette Prämie.

„Am förderlichsten wäre es, wenn Sie gleich los gehen und lassen sich das LUNCH einpacken.“

Schon wieder nickt sie. Der ganze Tag ist jetzt ein Reinfall für sie. Er ruft die Kellnerin und bezahlt für beide die Rechnung. Hinterher sagt er der Kellnerin, dass das Essen seiner Begleitung eingepackt werden soll, da sie es mitnehme.

„Ich zähle auf Ihre bedingungslose Bereitschaft.“

Sie nickt.

Als er geht, läuft über ihre Wange eine Träne. Ich möchte nicht wissen, was die arme Frau mit diesem Kerl so erleidet. Möglicherweise hat sie sich gedacht, dass sie mal einige Jahre in Südostasien etwas Berufserfahrung sammelt und später ihren Sex-and-the-city-Freundinnen erzählt, wie toll doch alles war. Höchstwahrscheinlich wird sie das trotzdem machen: Ständig exzellentes Essen, coole Clubs und hervorragende Hotels.

„Gaeb dang doi.“, bestelle ich die Rechnung.

Nachdem ich bezahlt habe, gehe ich an der Frau vorbei und sage ihr leise:

„Lassen Sie sich nicht fertig machen, von Graf Dr. Arschloch von Großkotzistan. Sagen Sie dem mal Ihre Standpunkt, zu dem Sie stehen.“
„Bitte? Von wem soll ich mich nicht fertig machen?“
„Na von dem Sonderling von vorhin.“
„Wie haben Sie ihn genannt?“
„Graf Dr. Arschloch von Großkotzistan. Ich finde das passt gut zu ihm.“

Nach einer Sekunde Stillstand, fängt Sie an laut zu lachen. Ich wünsche ihr trotz des gelaufenen Abends noch einen schönen Tag und verlasse das Restaurant. Langsam könnte eine Dusche vertragen…



8 Gedanken zu „22 Eloquenter Graf Dr. Arschloch von Großkotzistan pikiert mich subversiv“


  1. *hrhr* – sehr schöne Geschichte. Zumal Mr. Wannabe-Eloquenz einige Wörter vollkommen falsch benutzt hat. Zum Beispiel frage ich mich, was ein ambivalentes Massageetablisment sein soll…
    Aber naja, solche Leute fliegen auch auf die Fresse. Früher oder später.


  2. Hallo Robby,

    vielleicht habe ich das auch falsch verstanden 😉

    Ich hoffe, dass solche Leute auf die Fresse fliegen. Manchmal höre ich bei solchen Leuten vor lauter Worten nicht, was sie sagen wollen.

    Aber unterhaltsam sind sie auf jeden Fall.


  3. Ich habe mir die Zeit genommen und sämtliche Blogbeiträge gelesen. Sie haben einen guten Schreibstil und legen den Finger wirklich auf die Wunde. Bei einigen Beiträgen habe ich gelacht wie lange nicht mehr. Das einzige was mich stört ist immer wieder das abgleiten in Vulgär/Fäkalsprache, das muss doch nicht sein. Man kann ja auch anders seine Emotionen zum Ausdruck bringen.
    Aber ansonsten hat es wirklich Spaß gemacht den Blog zu lesen. Mit etwas Feinschliff haben sie das Zeug zum Autor.

    Gruß M. Wittich


  4. Hallo Herr Wittich,
    vielen Dank für die netten Worte und vielen Dank auch für die Kritik. Ich habe oft überlegt, ob ich das Abgleiten in die „Kloschüssel“ vermeiden sollte. Oft habe ich vieles geändert und korrigiert. Dort, wo es mir selbst nach zwei- oder dreimal Lesen aufgefallen war.

    Jedoch ist es mir auch wichtig, das wieder zu geben, was ich wirklich gefühlt und gedacht habe.

    Aber ich nehmen Ihre Kritik ernst und lasse mal den Text von meiner Verlobten entschärfen. 🙂 Vielleicht nehme ich mal einen Kurs zum Schreiben, um die ein oder andere Kante abzuschleifen…

    Ich hoffe, dass ich Sie als Leser meines Blogs weiterhin behalte und wünsche Ihnen einen noch viel Spaß!

    Viele Grüße aus Berlin

    Erdal.


  5. ambivalentes Massageetablisment

    äquivalentes Massageetablisment vermute ich

    Die Geschichte ist toll, mit Herz erzählt und klingt authentisch, danke für die Unterhaltung! 😀

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